Stadtgespräche - Auf´n Keks!                                                      

In den Stadtgesprächen erfahrt Ihr hier etwas über Ansichten, Vorstellungen und Meinungen von ganz verschiedenen Bewohnern und Bewohnerinnen der Stadt Chemnitz. 

Alle Personen, die hier zu "Wort kommen", haben uns Ihre Einverständniserklärung zur Veröffentlichung gegeben. 

Ein Gastbeitrag von Katha von Sterni

Zentitalk - Teil 1 (Teil 2 siehe unten):

Diese verdammte Ruhe hier – Fluch, Paradies oder Superkraft?

Katha von Sterni

 

Ich befinde mich irgendwo zwischen Wochen- und Weihnachtsmarkt, abwechselnd streift der Duft von Rostern und gebrannten Mandeln meine Nase und irgendwo durch das grobe Rauschen des Weihnachtskonsums dringen sanft und leise Stimmen eines Kinderchors. Es ist ein überraschend warmer Tag mit eigentlich viel zu viel goldenem Sonnenlicht für tiefsinnige Gespräche. Alles zusammen fühlt sich in diesem Moment an, wie eine Überdosis Harmonie.

Kurze Bestandsaufnahme: Chemnitz hat sich im letzten Jahr angestrengt. Eine Runde weiter im Rennen um den heiß begehrten Titel der Kulturhauptstadt und das erste Café mit organic cakes ohne raffinierten Zucker ziert den Brühl, wie die Instastorys der hippen Kids. Yeah, endlich wird ordentlich was hin und her gentrifiziert und nein wirklich, das ist alles super. Jeder neue hippe Laden fühlt sich wie ein kleines Erfolgserlebnis an, auch wenn man persönlich nichts dazu beigetragen hat. Auf der anderen Seite ist Chemnitz immer noch die Stadt in der Bubble-Tea Läden aufmachen und ein in der Kaßbourgeoisie etabliertes veganes Café schließt, weil auf einmal zu viel Kundschaft kommt. Die Stadt, in der kein Späti jemals den Durchbruch geschafft hat. Ich werde manchmal ein bisschen melancholisch, wenn ich daran denke, wie es hier vielleicht in zehn Jahren aussieht, wenn bald immer mehr genauso trendy ist wie in anderen Städten. Ich habe mich daran gewöhnt, in der ganzen Leere hier nach Tiefe zu suchen. Daran, dass das urbane Leben leise ist und der ganze Rest, den man eigentlich gerne wegschiebt umso lauter. Diese verdammte Ruhe war oft eine Herausforderung, abweisend und manchmal irgendwie quälend - mittlerweile hilft sie bei Selbsttherapie- und Konfrontation. Man lernt, Liebe und Sonne tief einzuatmen, weil sich Hass und graue Tage hier irgendwie nochmal härter anfühlen. Wäre Chemnitz ein*e Superheld*in, wäre Ruhe wohl die Superkraft. Naja, dass in der Ruhe Kraft liegt ist eigentlich nichts Neues. Rousseau bezeichnete die Ruhe als das offenbare Geheimnis des irdischen Glücks. Stillstand und Zeitlosigkeit beschrieb er als ursprünglich, andauernde Steigerung und stetiges Mehr-Wollen hingegen führe zu Unzufriedenheit. Goethes Faust stimmt zu: „Es irrt der Mensch, so lange er strebt!“ Dennoch ist das Streben nach Perfektionierung des eigenen Glücks längst gesellschaftlicher Ehrgeiz geworden und um dem nahe zu kommen, entscheiden sich Menschen heutzutage oft bewusst für bestimmte Orte. Außer natürlich als Student*in in Chemnitz. Das passiert eben einfach irgendwie. Deshalb macht die Frage „Ja und warum jetzt genau Chemnitz?“ auch keinen Sinn. Es fällt also schon mal weg, dass man einen Sinn darin sieht, einer bestimmten Tätigkeit an einem ausgewählten Ort nachzugehen. Und Sinn ist wichtig, wichtiger als Glück. Durch Sinn entsteht Verbundenheit, „das, was die Welt im Innersten zusammenhält“. Sinn ergibt sich, wenn man Beziehungen eingeht. Beziehungen mit Menschen, Orten und Momenten, er kann also jederzeit und überall gegenwärtig sein, wenn man es will. Verbundenheit beinhaltet aber auch Enttäuschungen, Verletzung und Konflikte - man kann keine Beziehung eingehen, nur um glücklich zu sein. Ob man das jetzt im Backpacking Urlaub in Asien, beim Work und Travel Auslandsjahr in Australien, oder in Chemnitz checkt ist eigentlich egal. Und warum eigentlich nicht hier in der Stadt der Moderne? Wenn uns die Moderne eins verspricht, dann ist es doch die Realisierung des Paradieses auf Erden, oder? Aber was braucht es dazu? Inwieweit kann Chemnitz ein kleines Paradies der Neuzeit sein und warum ist es okay, dass es vielleicht genau das nicht ist? Diese Fragen begleiten mich heute - bereit Sehnsüchte, Träumerei und Fantasie einzufangen und in Utopien zu bündeln. Eine Philosophiestunde mit dem härtesten aller harten Kerne der Chemnitzer*innen - und wo trifft man den am besten? Richtig, rund um die Zentralhaltestelle! Wenn Chemnitz ein Mensch wäre, wäre dort wahrscheinlich dessen Halsschlagader, hier pulsiert das Leben. Hier fließt alles zusammen. Hier haben C11 und Linie 31 täglich Rendezvous...

 

Das sagt der Zenti-Squad:

 

„Hier gibt es viele Orte, wo etwas aufblüht, Orte, Menschen, Ideen - und das ist ja schon paradiesisch. Also ich meine im Paradies blüht ja auch vieles. :D“

„Zum Leben gehören Konflikte und Baustellen. Chemnitz hat von beidem ne Menge. Wir brauchen sie, um zu wachsen und ohne wäre es ziemlich langweilig- also gehören sie zu meinem Paradies dazu.“

„Mehr Freundlichkeit, weniger negative Gedanken und Hass – das sind Dinge an denen Menschen arbeiten können. Umso mehr das passiert – umso paradiesischer wird es hier für mich.“

„Mit den richtigen Menschen werden manche Orte zum Paradies, mit anderen kann der selbe Ort zur Hölle werden. „

„Ein Paradies bedeutet für mich, dass es alles gibt, und hier gibt es nichts.“

„In meinem Paradies kann ich machen was ich will – dort sollte alles möglich sein. Ich bin ein sehr aufgeschlossener Mensch und hier kostet es mich viel Kraft, das auszuleben.“

„Ein Paradies ist für mich ein Gefühl von Verbundenheit und von Zuhause-sein. Das fühle ich hier auf jeden Fall.“

„Ruhe, Frieden, die Sonne scheint es darf aber auch mal schneien oder regnen.“

„Mit Städten ist es ein bisschen wie mit WGs. Man denkt zuerst, eine schöne Wohnung, gute Lage etc. machen viel aus, letztendlich ist es aber die Energie der Menschen.“

„Wenn es mehr chinesische Supermärkte und Restaurants gäbe, wäre es hier auf jeden Fall um einiges paradiesischer.“

„Das Paradies ist für mich die Natur, wo ich meine Ruhe habe und auch möglichst allein bin.“

„Wäre es hier ein bisschen mehr wie auf den Kanaren wäre das eigentlich nicht schlecht.“

„Das Paradies ist für mich ein großes Ganzes, ich wünsche mir deshalb mehr Gesellschaft und weniger Spaltung.“

„Paradies bedeutet für mich reich und gesund zu sein“

„Dauerhafte Schönheit – auch bei Orten – kommt von innen. Es liegt also in einem Selbst, inwieweit man irgendwo seinem persönlichen Paradies näher kommt.“

 

Quellen:

 

Buch: Faust, Johann Wolfgang von Goethe

https://www.zeit.de/2017/01/ruhe-sehnsucht-ralf-konersmann-philosophie


Teil 2

Ein Beitrag von  Zentitalk 1 - Wenn Chemnitz ein Mensch wäre 

Wir wissen, wie schwer es mitunter sein kann, in einer neuen Stadt Fuß zu fassen. Wir wissen, dass man schnell dem Versuch erliegt, sich in seinem 12m 2 Zimmer im Wohnheim einzuschließen, Netflix anzuschmeißen und bei seinen Freunden für die nächsten drei Tage als vermisst zu gelten. Wir wissen, dass WhatsApp-Nachrichten im Anflug von Lazyness gerne mal mit dem Satz: „Sorry, jetzt erst gesehen“ eingeleitet werden - nur um seine Ruhe zu haben. Wir wissen, dass der Gang zum nächstgelegenen Edeka auch mal zum Undercover-Einsatz werden kann, bei dem man hofft, nur keinem Kommilitonen über den Weg zu laufen.

Das verstehen wir. Und das machen wir genauso. Doch das darf nicht zur Gewohnheit werden! Deshalb haben wir als RABBAZ-Magazin uns das Ziel gesetzt frisch zugezogenen Neu-Chemnitzerninnen und Neu-Chemnitzern die grundlegendsten Fragen zu beantworten und euch alternative Aktivitäten der Freizeitgestaltung aufzuzeigen.

Wenn gar nichts geht, Leute, gibt’s immer eine Möglichkeit: Einfach an die Zenti chillen, da wo die Hood pulsiert, da wo sich der harte Kern zueinander gesellt, wo sich Tag und Nacht hallo sagen. Denn hier findet Ihr jegliche Medien-Klischees und Stereotypen in freier Wildbahn. Einfach mal 'ne halbe Stunde hinsetzen, genau hinschauen, wirken lassen – das reicht meistens schon und man ist bestens unterhalten. Aber wir wären nicht RABBAZ, wenn wir nicht mehr wagen würden. Also haben wir diesen härtesten aller harten Kerne in Chemnitz zu einem kleinen philosophischen Ausflug eingeladen:

 

Wer wäre Chemnitz, wenn die Stadt eine Person wäre?

An einem sonnigen Nachmittag kam da zwischen Zentralhaltestelle und Stadthallenpark, Eiscreme, Wein und Mixery so einiges zusammen:

 

Der Körper Klaus

Es wäre eine Person, deren einzelne Körperteile noch nicht miteinander funktionieren. Einem leider sehr starkem rechten Arm, einem linken Arm, der viel Kultur aufbaut und einer schmalen Mitte. Der Kit um die einzelnen Teile mit einander zu verbinden wird gerade erst angerührt. Vielleicht hätte die Person auch noch 'ne Medaille an: „Deutscher Meister im Bier saufen“.

 

Dirty Dornrösschen

Wie ich! In den 30ern, männlich, rau, schmutzig, haha. Auf den ersten Blick abweisend, auf den zweiten ultra-charmant.

Er wirkt unnahbar, läuft meistens nachdenklich durch die Gegend. Es scheint, als wolle er einfach seine Ruhe. Aber eigentlich will er nur aus dem Dornröschenschlaf geweckt werden.

 

Der Poser in DDR-Kutte

Ich stelle mir einen älteren Herrn vor. Gepflegt, alles ist irgendwie an Ort und Stelle. Er hält sich verdeckt und auf Distanz. Bloß nicht auffallen. Sein Blick ist stets skeptisch, vielleicht etwas mürrisch - er ist schwer zu beeindrucken. Er schätzt die Tradition, trägt seine DDR-Kutte voller Stolz. Seine Umgebung bewegt sich, aber irgendwie wird er nicht mitgerissen. Das große Ganze besteht aus einzelnen Flicken, die erst zusammengenäht werden müssen um zusammen zu halten.

 

Wenns' nur das wäre

Beautiful young woman, but very reserved.

 

  

2020 - Chemnitz’s goldene 20er?

Chemnitz wäre eine ältere Dame, die sich aus den konservativen Strukturen befreien will. Sie würde gerne aufspringen, hip sein. Also zieht sie los in ihrer alten Kleidung, kauft sich moderne Accessoires, malt sich die Lippen pink. Aber all das wirkt irgendwie unbeholfen und gestellt. Sie ist eigentlich selbstbewusst und weiß, zu was sie fähig ist. Dennoch wirkt sie stets auf eine Art deplatziert, unbestimmt und fragil. Deshalb geht sie im Glanz und Hype der anderen Damen unter.

 

Das Chemnitzer Märchen

Chemnitz ist eine, die viel älter aussieht als sie eigentlich ist, blass und faltig. Die Frau sitzt in einem dunklen Raum auf einem Holzstuhl. Der Raum hat ein kleines Fenster, durch das ein schmaler Sonnenstrahl fällt, der langsam auf die Frau zuwandert. Sie wird seit langem von ihrem Mann unterdrückt und eingesperrt. Doch desto mehr sich die Sonne der Dame nähert, umso stärker wird sie und kann sich letztendlich aus den schweren Ketten der Beziehung befreien. In der Frau schlummert sehr viel Lebensmut und Freude, die nur darauf warten, frei zu werden.

 

Der Möchtegern-Hipster

Chemnitz als Person wäre ein junger Typ aus der Mittelschicht. Er sitzt irgendwo in einer Gasse und weiß nicht ganz wohin mit ihm. Aussehen? Mainstream, wie eben die Jugend von heute so aussieht. Trendige Kleidung - kurz geschorene Haare sind ja gerade ziemlich angesagt. Charakterlich wäre es keine Person, mit der ich mich anfreunden würde: Sehr arrogant, Hauptsache cool, Hauptsache dazuzugehören und irgendwie aufstreben, um oben mit dabei sein.

 

Man kennt das Szenario

Ein dünner Typ, weil es hier nichts zu tun gibt. Skeptischer Blick. Aber generell doch ganz hübsch anzusehen. Ein träger Gang, weil er wenig herumläuft, weil hier so wenig läuft. Er hockt sich dann relativ schnell auf 'ne Parkbank, mit 'nem Bierchen. Und welches? Was regionales. Braustolz vielleicht.

 

Immer am flirten

Eine arme ältere Dame, sehr herzlich! Sie ist irgendwie unscheinbar, nicht sonderlich selbstbewusst und erst auf den zweiten Blick irgendwie schön. Die Stadt ist zu weich, um männlich zu sein. Die Dame wird jünger statt älter. Sie kleidet sich mal so, mal so – je nach Befinden, ziemlich bunt. Gerade sitzt sie irgendwo auf dem Kaßberg im Grünen. Sie kokettiert und flirtet: Ich denke, sie will erobert werden!